Freitag, 26. Oktober 2012

der Herbst steht auf der Leiter ...

... und malt die Blätter an.
So textete Peter Hacks (den hatten wir schon bei Kunst im Kiez) in einem Gedicht. Das DDR-Gesangsduo Hauff & Henkler machten es als Lied populär und bei youtube findet man es auch von Helene Fischer gesungen. Mir gefällt das Lied nicht wirklich. Was mir gefällt, sind jedoch die Farben des Herbstes; es ist ganz erstaunlich, was Maler Herbst so zustande bringt. Haben sich bis vor kurzem, die Blätter der Bäume in verschiedenen Grünfärbungen präsentiert, so wetteifern sie jetzt mit X-Farben aus der Palette von gelb bis rot - physikalisch gesehen wird es langwelliger - und das ist keinesfalls langweiliger.
Die Farben erfreuen mich nicht nur, sondern regen immer wieder an, darüber nachzudenken, warum  das so ist. Nun, für gelb und alle Farbschattierungen, welche durch Carotinoide hervorgerufen werden,  ist das relativ schnell und leicht erklärt. Diese Farben sind in den Blättern vorhanden, werden jedoch durch das Grün des Chlorophylls überdeckt. Im Herbst, wenn die Tage kürzer und die Temperaturen niedriger werden, ziehen die Bäume wichtige Stoffe in die Lager zurück. Bäume messen sozusagen die Sonnenscheindauer und die Temperatur und erkennen so ganz genau, wann Herbst ist und es Zeit wird sich auf den Winter vorzubereiten. Auch das Chlorophyll aus den Blättern wird abgerufen und die "Grundfarbe" der Blätter dabei sichtbar. Bei vielen Bäumen ist das ein leuchtendes Gelb. Da, wo in meinem Kiez Pappeln oder Linden dominieren gibt es plötzlich ein gelbes Meer.
Das Gedicht sagt also nicht die Wahrheit. Der Herbst mag zwar auf die Leiter steigen. Er malt die Blätter  jedoch nicht an, sondern entfernt mit Verdünnung die grüne Farbe - um beim Maler zu bleiben.
Ganz interessant zu beobachten, welche großen Unterschiede es da zwischen Bäumen gibt, auch wenn sie nur wenige Dutzend Meter voneinander wachsen. An einem sonnigen aber ungeschütztem Standort trägt ein Baum sein buntes Kleid und hat schon viele Blätter abgeworfen. Vom kalten Wind geschützt und mehr schattig aufwachsend, ist sein Bruder noch völlig grün. Besonders Spitzahorn tut sich mit solchen Unterschieden hervor.


Spitzahornspektrum. Bäume an schattigen und wärmeren Standorten sind noch grün.


Woher kommt aber das Rot? Manche Bäume werden diesen Farbstoff bereits in den Blättern enthalten und der Vorgang des sichtbar werdens ist der gleiche, wie bei gelb beschrieben. Es gibt aber auch Bäume, welche den dafür erforderlichen Farbstoffe, Anthocyane erst bilden. Das ist verwunderlich, erfordert es doch zusätzlichen Energieaufwand und eigentlich setzen wir voraus, das die Natur, im Gegensatz zum Homo energieverschwendus das nicht ohne zwingenden Grund macht. Bei Nachforschungen im www und Literatur, musste ich feststellen, das auch die moderne Wissenschaft noch nicht schlüssig erklären kann, warum das geschieht. Im "Lexikon des Unwissens"  (rowolt 2007) von Kathrin Passig und Aleks Scholz, entdeckte ich einen längeren Beitrag zum Thema. Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, alte und neue Theorien der Wissenschaft zum Problem zusammenzutragen. Diese zeige ich in Stichpunkten mal kurz auf.

Ältere Theorien meinten es diene entweder
- dem Licht- und Kälteschutz oder
- dem Schutz vor UV-Strahlung oder
- der Auslagerung von Schadstoffen.

Mit der Entwicklung der Möglichkeiten der Wissenschaftlichen Forschung, gehen auch neue Theorien einher. Die Buchautoren nennen folgende
- Erneuerung der Lichtschutztheorie und deren Erweiterung auf Lichtschwankungstoleranz,
- "Krankheitsschutz" (Abwehr freier Radikale),
- Unterstützung bei der Rückgewinnung von Stickstoff,
- Reviermarkierung gegenüber anderen Bäumen durch Bodenvergällung,
- Warnfunktion gegenüber Insekten, nicht an den Blättern zu knabbern; interessant ist dazu auch die dargestellte These israelischer Biologen, durch die Rotfärbung, Insekten besser für ihre Fressfeinde sichtbar und damit unschädlich zu machen.
- Frostschutz,
- Schutz vor Pilzbefall.

Mal schauen, ob wir im nächsten Herbst mehr wissen.

In der Färbung verhalten sich die Bäume sehr individuell. Das folgende Foto zeigt vier Acer platanoides. Alle dürften zu gleichen Zeit gepflanzt worden sein und haben auch sehr ähnliche Standortbedingungen. Die beiden Bäume im Vordergrund haben noch ziemlich viele grüne Blätter. An ihrer Südseite gibt es gelbe Blätter und auch einige Rotfärbungen. dazwischen ist ein Baum zu erkennen, dessen Blätter alle gelb sind. Kein Gedanke an Rot. Und daneben sehen wir einen inzwischen schon völlig entlaubten Baum. Vor wenigen Tagen sah er noch so wie im eingeklinkten kleinen Foto aus. Sehr viel Rot.







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