Freitag, 16. August 2013

heimische Gehölze - was ist das eigentlich

Ganz allgemein hatte ich mich dem Thema "heimisch" bereits einmal gewidmet. An dieser Stelle möchte ich das noch einmal aufgreifen und sozusagen auch aus historischer Sicht beleuchten. 
Gemäß gängiger Definition sind solche Pflanzen heimisch, welche in einem Gebiet natürlicherweise vorkommen. Nichtheimisch solche, welche mittels menschlichen Wirkens in das betreffende Gebiet gelangt sind. Amüsanterweise ist das Jahr 1492, als Kolumbus den amerikanischen Kontinent entdeckte, als Grenze festgelegt worden.
Man kann das auf der verlinken Seite genauer nachlesen. Ich habe dazu meine eigene unwissenschaftliche Sicht, welche ich hier darlegen möchte. Denn die offizielle Sicht blendet nach meiner Meinung einige Dinge aus.


Erstens: Natur ist nichts Statisches und für alle Ewigkeit Fertiges. Ein Hauptmerkmal der Natur ist dessen ständige Entwicklung und Veränderung sowie ihre Anpassung an Umweltbedingungen. Letztere werden auch durch andere Lebewesen und ihr Zusammenleben mit beeinflusst. Insofern ist es schon ziemlich albern sich auf eine fixe Eingruppierung festzulegen.

Viele Pflanzen lassen sich als Heimatvertriebene bezeichnen. Diese lebten nämlich hier in unserer Gegend Mitteleuropa, nördlich der Alpen und wurden durch die Gletscher mehrerer Eiszeiten verdrängt. Verdrängt bedeutet bei Pflanzen, dass sie einfach an Orten, wo sie ihre Lebensbedingungen nicht mehr vorfanden ausstarben. Denn auswandern können Pflanzen nicht wirklich. Sie konnten sich, nach dem Rückgang des Eises aus den verbliebenen Refugien südlich der Alpen, nur langsam oder gar nicht mehr nach Norden verbreiten. So sank die Zahl der bei uns lebenden Gehölzarten von Eiszeit zu Eiszeit. Um nur einige Beispiele zu nennen - Mammutbaum, Hemlock und Douglasie wuchsen früher in unserer Gegend, waren also einmal heimisch.
Warum also Arten, welche es selbst noch nicht geschafft haben, wieder zu uns vorzudringen als nicht heimisch kennzeichnen? Nur weil wir Menschen etwas definiert haben? Möglicherweise hätten, von uns als nicht heimisch eingeordnete Pflanzen es auch noch aus eigener Kraft geschafft, zurück in unsere Gegend zu gelangen. Vielleicht ist es gerade unser Wirken, welcher diese Rückkehr verhindert.



Zweitens: Wie kaum ein anderes Lebewesen, greift der Mensch in die Entwicklung der Natur ein. Unserer Gegend Mitteleuropa besiedelte der Mensch nach der letzten Eiszeit. Wurde heimisch will ich hier nicht schreiben - heimisch sind wir, augenzwinkernd eigentlich nur in Ost-Afrika. In allen anderen Gegenden, sind wir nach menschlicher Definition (wenn wir dieses ominöse Jahr des Kolumbus nicht hätten) Neozoen - eine Tierart, welche in einer Gegend eingeführt wurde, in welcher sie zuvor nicht heimisch war.  

Nach der letzten Eiszeit hatten es wohl Birke und Kiefer als erste wieder geschafft Wälder zu bilden. Die Wälder, welcher der junsteinzeitliche Mensch vorfand, hatte sich dann aber schon wieder gewandelt. Wenn ich mir das richtig erlesen habe, dominierten Eiche, Hasel und Ulme, weiter östlich auch die Fichte. Was auch darauf hindeutet, dass bereits sehr lange ein Unterschied zwischen den Wäldern im Westen und im Osten von Mitteleuropa besteht. Heimisch ist also auch im kleinen Mitteleuropa sehr differenziert zu betrachten.
Seit der Mensch Ackerbau betreibt, nimmt er Einfluss auf die Entwicklung in der Natur. In Mitteleuropa war das vor vielleicht 7000 - 8000 Jahren. Durch sein Wirken wurden manche Gehölze gefördert, andere behindert. So habe ich bei Hansjörg Küster gelesen, das möglicherweise bereits der jungsteinzeitliche Mensch die Ausbreitung der Hasel bewusst, die der Buche unbewusst förderte.
gilt als echt heimisch - Buche
Warum also die Buche als heimisch betrachten, andere vom Menschen hierher zurückgebrachte Bäume als nicht heimisch benachteiligen? Mit Berechtigung könnte man auch die Buche 
als invasiven Neobionten bezeichnen. Konnte sie doch möglicherweise nur durch menschliches Wirken wieder so weit nach Norden vordringen.


Drittens: das Stichjahr 1492.  Ja, wenn man etwas in solcher Art definiert, erscheint es logisch ein "Stichjahr" festzulegen. Warum dann aber 1492? Der gute Mann kehrte erst 1493 aus der "Neuen Welt" zurück, konnte also frühestens dann unheimisches Leben von dort mitgebracht haben. Die nicht als heimisch geltende Rosskastanie wurde "offiziell" 1576 in Mitteleuropa eingeführt. Und nicht aus Amerika, sondern aus dem Balkangebiet - also einem Refugium von in den Eiszeiten "vertriebenen" Bäumen. Die heimische Rotbuche existierte in unserem Gebiet möglicherweise erst seit 4800 Jahren. Sie ist also eigentlich ein Zuwanderer, war aber im Stichjahr 1492 zur Stelle. Übrigens: die Kartoffel ist nach dieser Regelung nicht heimisch.



"nichtheimisch" aber geduldet - Kastanie
Viertens: wir wissen eigentlich nicht, wie sich Natur ohne unser Wirken entwickelt hätte. Dieses Wirken geht über das der normalen Tiere deutlich hinaus. Wie schon geschildert: natürlicherweise vorkommend gibt es, zumindest bei uns in Mitteleuropa nicht, beziehungsweise nicht mehr. Bereits seit mehreren tausend Jahren haben wir die natürliche Entwicklung beeinflusst und aus einer Natur- eine Kulturlandschaft gemacht. Ganz einfach darum, um uns zu ernähren. Kann es natürlich vorkommende Flora, in einer künstlich geschaffenen Landschaft geben? Die Festlegung was heimisch und was nicht heimisch ist, bezieht also einerseits die Resultate unseres Handelns mit ein, schließt jedoch nach 1492 Teile unseres Handelns bewusst aus. Das ist ein Widerspruch in sich selbst!

Selbst unser Naturschutz, ist in der Mehrzahl der Fälle einfach nur die Erhaltung oder die Herstellung eines von uns gewünschten oder als natürlich angesehenen Zustandes der Landschaft. Bei letzterem gehen wir, wie üblich, arrogant davon aus, das unser gegenwärtiger Wissensstand, allgemein gültige Wahrheit ist. 

Fünftens: eigentlich sind wir sowieso heimisch auf einer Erde, dessen Kontinente alle einmal zusammen hingen. Alles was kreucht und fleucht, wächst und gedeiht kann nur existieren, wenn die Lebensbedingungen stimmen, welche sich dann und wann mal geändert haben und sich weiter ändern. Ständig sterben Arten vor Ort aus - wenn wir sie dann wieder aus anderen Teilen der Welt zu uns holen, sind sie dann heimisch oder nicht? 

Genau genommen ist die Frage nach heimisch oder nicht heimisch müssig  Als Menschheit urteilen wir nämlich sowieso nicht danach, sondern eher nach nützlich, nicht nützlich und schädlich. Obwohl wir alle vor etwa 3 1/2 Milliarden Jahren einmal Einzeller gewesen und sozusagen miteinander verwandt sind.

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